kontakt

Kulturgeschichtliche Betrachtungen

Häretische Berggedanken - Eine kulturgeschichtliche Exkursion

"Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben." (Goethe)


Goethe lädt den Menschen zum Nachdenken über die dreitausendjährige Geschichte "unseres" Denkens ein. Es ist das Denken des Abendlandes, das uns zu ganz bestimmten Denk-, Verhaltens- und Empfindungsmustern geführt hat. Alles menschliche Tun und Denken der Gegenwart entstammt dieser Geschichte: auch das Verhalten zur Natur und zum Berg!
War der Berg einst für unsere fernen Vorfahren, wie heute noch anderswo, die Stätte des Augenblicks und der Anwesenheit der Götter, so ist er in unserem "modernen" Denken immer mehr zum "Gegenstand" geworden: Man hat ihn vermessen, erkämpft, erobert, ... entzaubert.
Durch die Trennung von Ich und Welt, von Materie und Geist, wurde unsere Empfindsamkeit immer mehr verändert, bis schließlich das WESENHAFTE SEHEN UND DENKEN durch das VERGEGENSTÄNDLICHENDE ersetzt wurde.
Unsere dreitausendjährige Geschichte, wie sie Goethe meint, beginnt in Griechenland. Dort sind Fragen über das Wesen der Natur entstanden, die die folgende Entwicklung des Denkens und der Wissenschaft wesentlich bestimmten. Dort hat der freche Prometheus die Götter herausgefordert und ihnen in den Bergen das Feuer gestohlen! Ein Bild, das seit einigen Jahrhunderten als eine Heldentat gesehen wird: Eine Herausforderung, die den Menschen anscheinend zur Selbstverwirklichung brachte, und die ihn durch die moderne Technik immer mehr zum "Allmächtigen" macht.
Die Etappen des abendländischen Denkens, das inzwischen den ganzen Globus beeinflusst hat, wirken sich natürlich auch auf die Alpingeschichte aus und geben Aufschluss auf viele Fragen, die unseren Umgang mit dem Berg betreffen. Doch die Alpingeschichte von Prometheus bis Reinhold Messner entwickelte sich sehr langsam. Die Griechen hatten keine großen Berge und der Olymp war immer noch der Sitz des donnernden Zeus. Im christlichen Mittelalter dann hatte der Mensch eine eher demütige Haltung und wollte den Schöpfer auf keinen Fall herausfordern. Erst gegen das 14. Jahrhundert, durch den Humanismus in Italien, der dann zur Renaissance und zur Aufklärung führte, wurde der Mensch immer mehr zum "Maß aller Dinge", zum "Meister und Besitzer der Natur".

Beispielgebend für diese menschliche Entwicklung und eines der ersten literarischen Dokumente der Alpingeschichte ist wohl der Brief, den der berühmte italienische Dichter Francesco Petrarca (1304-74) an Kardinal Colonna richtete und in dem er seine Besteigung des 1912 Meter hohen Mont Ventoux in den französischen Alpen beschrieb. Wenn aus diesem Schreiben einerseits eine, für das damalige Denken wirklich "neue" menschliche Haltung erkennbar ist, wenn er z.B. sagt, er habe den Berg bestiegen, "lediglich aus Verlangen, die namhafte Höhe des Ortes kennen zu lernen", treten gleich auch Gewissensbisse auf, die aus seiner noch stark christlich geprägten Moral stammen: "Da wandte ich mich um und schaute nach Westen. Wie ich nun dies im Einzelnen bewunderte und bald nach irdischen Dingen forschte, bald nach Vorbild des Leibes auch den Geist in höhere Sphären versetzen wollte, kam mir in den Sinn, das Buch der Bekenntnisse des Augustinus aufzuschlagen. (...) Zufällig griff ich das zehnte Buch jenes Werkes heraus. (...) Und wie ich die Augen auf das Blatt senkte, stand geschrieben: 'Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüsse, des Ozeans und der Gestirne Bahnen, und verlieren sich dabei selber'. (...) Wie oft, meinst du, hab' ich an jenem Tage, talabwärts steigend, mich zurückgewandt und den Gipfel des Berges betrachtet, aber seine Höhe schien mir kaum mehr als die Höhe einer Stube, verglichen mit der Höhe menschlicher Kontemplation, wenn diese nicht in den Schmutz irdischer Niedrigkeit getaucht ist."
All diese Ehrfurcht und Gewissensbisse beim Bergsteigen sind seit über 200 Jahren völlig verschwunden. Mit dem Sieg des "aufgeklärten" Individuums im 18. - 19. Jahrhundert, wurde der entzauberte Berg hemmungslos in Angriff genommen. In den Alpen entstanden die ersten Hütten und die höchsten und schwierigsten Gipfel wurden bezwungen. Später wurde das Bergsteigen teilweise sogar zum politischen Instrument und zum heroischen, nationalen Kampf gegen die gewaltige Natur: Auf den höchsten Gipfeln der Welt flatterten stolz die Staatsflaggen der Eroberer.
Messner hat zwar den nationalen Drang überwunden und auch manche Widersprüche in der menschlichen Haltung beim Extrembergsteigen ans Licht gebracht, doch seine Gipfelsiege bleiben Ausdruck des großen Sieges des Individuums, des ICHs. Vieles deutet darauf hin, dass Messners Etappe in der Alpingeschichte den Höhepunkt des gegenwärtigen machenschaftlichen Zeitgeistes darstellt.
Aber, so wie der Macho-Mensch oft nur Ausdruck eines Verhaltensmusters ist, und auch eine tiefere und authentischere Seite verbirgt, so ist auch beim Bergsteigen eine gewisse Doppeldeutigkeit festzustellen: Einerseits weist das "Berg-Steigen" auf die erlebnis- und leistungsorientierte Tätigkeit des "wichtigtuerischen Menschen de 20. Jahrhunderts" (Bischof Stecher) hin, wo der Berg nur als eine Art "Sportgerät" gesehen wird, anderseits verweist es auf ein "Hinauf-Steigen" zu einem Ort, der uns, zumindest im Unterbewusstsein, noch HEIL(ig) ist, ein Ort, der Wesenhaftes noch offenbaren kann, der uns die unerschöpfliche Kraft des Einfachen schenkt, der uns zum besinnlichen Nachdenken einlädt. "Ein Ort, der uns Menschen noch hörig machen kann, in dem wir die verdrängten Wurzeln einer echten Heimat wieder finden können" (M. Heidegger). Das ist die geheimnisvolle Sehn-Sucht, im Sinne des wesenhaften Sehens, die viele Berg-Steiger anzieht. Was ist denn aber das "Wesen"? Das "Wesen" eines Berges, einer Pflanze, eines Menschen? Das "Wesen" ist das Phänomen dessen, was in Erscheinung tritt. Es ist nicht die Pflanze, der Berg, der Mensch als Gegenstand, sondern ihr Erscheinen, das Sein dessen, was wir als "Gegenstand" bezeichnen. Wenn wir im Stande sind - es kann geübt werden! - die Welt aus dieser Perspektive zu sehen, dann kann sie zu einer großartigen Stätte der Erscheinung werden. Der Berg ist sicherlich der Ort, wo eine solche Wahrnehmungsform möglich ist, wo sich uns beim Hinaufsteigen im schweigsamen Erleben das Wesenhafte in Form einer Lichtung offenbaren kann: So wird aus dem Denken ein Danken, die Sprache himmlisch und rein.
Die Frage bleibt, ob der heutige Mensch es noch vermag, die nötige Distanz zur oberflächlichen Alltäglichkeit zu finden, um diese bereichernde "Botschaft der Berge" zu erkennen. Da uns dort oben Distanz und Weitblick, Gelassenheit und Freiheit, Sprache und Stille offenbart werden können, ist es jedenfalls unsere momentane Aufgabe, diese Orte sorgfältig zu hüten, bis ihre Sprache verstanden wird: Die Berge haben Zeit ... und vor allem Geduld, das Reifen des Menschen zu erwarten.
(Roman Burgo)