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Alpinismus als moderne Form der Askese


"Der Mensch von heute muß ja nicht mehr gehen: Er setzt sich einfach in seinen Wagen und - fährt. Geschweige denn, daß er laufen müßte. Doch was geschieht? Er erfindet das Jogging. Oder: Der Mensch von heute braucht nicht zu steigen, nicht einmal Stiegen zu steigen. Und was geschieht? Er steigt auf Berge, klettert an Felswänden ... 'Der nackte Affe' macht es
seinen Urahnen nach, die auf Bäume klettern mußten, um sich Nahrung zu beschaffen oder vor Feinden zu flüchten - alles Dinge, die für die Affen notwendig sind, aber längst nicht mehr für uns. Aber das ist es ja: Der biologisch unterforderte Mensch arrangiert freiwillig, künstlich und absichtlich Notwendigkeiten höherer Art, indem er aus freien Stücken von
sich etwas fordert, sich etwas versagt, auf etwas verzichtet. Inmitten des Wohlstands sorgt er für Situationen des Notstands; mitten in einer Überflussgesellschaft beginnt er, Inseln der Askese aufzuschütten - und genau darin sehe ich die Funktion, um nicht zu sagen die Mission, des Sports im allgemeinen und des Alpinismus im besonderen: Sie sind die moderne, die säkulare Form der Askese."

Viktor E. Frankl (1905 - 1997)